Beiträge der Geschichtswerkstatt

Großvater und das Christkind

Weihnachten – Bescherung – der dreijährige Felix schaut mit leuchtenden Augen die Krippe an. Er nimmt Maria und Josef in die Hand, dann streichelt er den Esel und das Schaf und schließlich kümmert er sich um das Christkind.

 

Vorsichtig nimmt Felix das Kind aus der Krippe und legt es in sein neues Polizeiauto. Jetzt geht es mit tatütata durchs Wohnzimmer. Felix ist glücklich!

 

Sein schönstes Weihnachtsgeschenk: Das Christkind im Polizeiauto.

 

Der Großvater ist davon nicht begeistert. Er befürchtet, dass das Christkind auf diese Weise schnell verloren gehen könnte. Und .......... er behält recht!

 

Nach den Feiertagen beginnt die verzweifelte Suche. Das Christkind aber ist und bleibt verschwunden. Felix ist traurig, der Großvater ist ungehalten.

 

Er hat es ja gleich gewusst.....

 

Doch die Mutter weiß Rat. Sie besorgt ein neues Christkind. Es sieht genau so aus wie das alte. Alle sind zufrieden, und die Krippenfiguren werden wieder gut verpackt. Dann steht das nächste Weihnachtsfest vor der Tür.

 

Zur Überraschung der ganzen Familie taucht das Christkind in doppelter Ausführung auf. Was war geschehen? Nur zögernd rückt der Großvater mit der Wahrheit heraus. Das verloren geglaubte Christkind hat ein ganzes Jahr in seiner Festtagsjacke zugebracht. Seit diesem Ereignis gehören zwei „Christkindchen“ zur Krippe. Man kann ja nie wissen.

Der verlorene Affe

........ und wie er 50 Jahre später wieder gefunden wurde

 

In den Kriegsjahren 1943/44 bekam ich vom Christkind einen Affen.

 

Dieser Affe – heißgeliebt, belutscht und bespielt – war mein Seelentröster und ständiger Begleiter. Er konnte sogar den Kopf drehen und nicken, wenn man seinen Schwanz bewegte. Bei den täglichen Bombenangriffen auf Frankfurt/Main hatte ich meinen Affen fest im Arm, wenn ich auf den Schultern meines Vaters nachts im Bunker Schutz suchen musste. Im Gedränge ging der Affe, der keinen Namen hatte, eines Nachts verloren. Der Schmerz war groß, der Affe blieb verschwunden.

 

Als ich später selbst Kinder hatte, war mein Affe oft Gesprächsthema. So ergab es sich, dass sich schließlich die ganze Familie in allen Spielwarengeschäften auf die Suche machte.

 

Da ich aber kein Fabrikat kannte, konnte ich auch niemanden um fachkundigen Rat bitten. Meine Tochter startete sogar eine Suchaktion im Fernsehen. Ebenfalls ohne Erfolg. So blieben mir über 50 Jahre nur wertvolle Erinnerungen.

 

Mein schönstes Weihnachtsgeschenk erhielt ich aber – es war wie im Märchen – im Jahre 1996 ein zweites Mal.

Bei einem Besuch des Stuttgarter Weihnachtsmarktes machte ich auch einen Abstecher in ein Spielwarengeschäft. Dort lachte mir ein Affe entgegen, der mich in höchste Aufregung versetzte. Ich nahm ihn in die Hand und beim Umdrehen wurde mir klar: „Es ist mein Affe“!

Weihnachten 1946 die Geschichte eins Care-Paketes

Es ist das Jahr 1946 – ausgebombt, evakuiert, mehrmals in leerstehenden Wohnungen untergekommen – wohnt die vierköpfige Familie Felix Schneider jetzt in Untermiete (mit Bad- und Küchenbenutzung) in Frankfurt/Main.

Eines Tages bringt die Post ein Schreiben der amerikanischen Militärverwaltung.

 

Der Inhalt – ein Fragebogen an Herrn Schneider.

 

Die Fragen sind recht persönlich.

 

Wie heißen Ihre Geschwister? Wo wohnten Sie 1915? Wie hieß Ihr Hund? Wie hieß Ihr Kindermädchen? Das war wohl die Kernfrage.

 

Herr Schneider beantwortet die Fragen und schickt den Brief an die Behörde zurück. Es folgt ein langes Warten. Dann kommt ein Brief aus Amerika – für damalige Zeiten sehr ungewöhnlich!

 

Mrs. Ma Schreiber – das ehemalige Kindermädchen von Felix Schneider – schreibt in perfektem Deutsch, wie froh sie sei, ihren einstigen Schützling auf diesem Wege gefunden zu haben. Ma hatte 1915 Deutschland verlassen, in Amerika geheiratet und dort eine neue Heimat gefunden.

 

Was nun folgt ist eine immer wiederkehrende „Bescherung“ der Familie Schneider. Care-Pakete, deren Inhalt bis heute lebendig geblieben sind: für die Kinder die erste Schokolade, HERSHEY, Kakao, ein Lutscher (rotweiß geringelt), Kokosfett in Dosen, Milch- und Eipulver, gezuckerte Dosenmilch, aber auch getragene Kinderkleidung, Kosmetika für die Mutter, Nescafe für den Vater.

 

Weihnachten 1946 dann die erste Puppe für die Töchter der Familie Schneider. Die Puppe heißt –wohl wegen ihres gesunden Aussehens - Dick-Mariechen. Das damals sicher äußerst seltene Exemplar wird überall bewundert und die beiden Mädchen in ihrer Kleidung aus Amerika auch häufig beneidet.

 

Das ehemalige Kindermädchen aber kehrt noch einmal nach Deutschland zurück, um ihre alte Heimat bei Lörrach zu besuchen und ihren Schützling Felix und seine Familie zu sehen.

 

Care.Pakete wandern von nun in umgekehrter Richtung in Form von finanzieller Unterstützung für Ma von Deutschland nach Amerika.

 

Familie Schneider besucht Mrs. Schreiber ebenfalls mehrmals in USA und eine enge Freundschaft verbindet die Familien samt Kinder und Enkelkinder über viele Jahre.

 

Aus der Geschichtswerkstatt der Lokalen Agenda 21 Eberdingen

G.Müller-Heyse

Das Hochzeitsgeschenk der Baronin von Tessin

Frau Schöck erzählt:

 

Nach meiner Schultentlassung begann ich 1950 zusammen mit Erna Meyer und Anne Bielesch eine zweijährige Haushaltslehre im Hochdorfer Schloss.

 

Unter Anleitung der Baronin war ich in der Küche, in den Zimmern, beim Servieren, im Schlösslesgarten – dem Nutzgarten und bei den Hühnern tätig.

 

Zu meiner Arbeitskleidung gehörte neben war einem rosa-weiß gestreiften Kleid ein weißes Häubchen, das ich sofort ablegte, sobald ich zu Besorgungen ins Dorf geschickt wurde. Ich konnte es überhaupt nicht leiden!

Morgens brachte ich beim Kommen aus dem Holzlager am Eingang das Holz für den Badeofen mit. Zu meinen Aufgaben gehörte es auch, die Badewanne und die hölzerne Vorlage täglich zu reinigen. Hierbei wurde ich immer von der Baronin unterstützt. Sie half auch bei vielen anderen Arbeiten tatkräftig mit. Ich lernte die Schlossherrin als eine stets nette, hilfsbereite und sehr gerechte Arbeitgeberin schätzen. Zu Weihnachten beschenkte sie uns reichlich mit Naturalien und Kleidung.

 

Die Arbeitszeit dauerte täglich von 7:00 – 20:00 Uhr, der Lohn betrug monatlich 50 RM.

 

Von der Baronin erhielt ich viele Jahre später zu meiner Hochzeit ein 12teiliges Tafelgeschirr mit Goldrand.

 

Viele Erinnerungen werden wach, wenn der Tisch mit diesem Geschirr festlich gedeckt ist – so auch am 1. Weihnachtsfeiertag.

 

Wir bedanken uns sehr herzlich bei Frau Schöck für diesen Beitrag.

 

Frau Gisela Müller-Heyse (Telefon 7338) und Frau Gudrun Meißner (Telefon 78430).

Sepp in Stuttgart

Es war im Jahr 1947 und ich wollte meine Mutter im Robert-Bosch-Krankenhaus besuchen. Wie dort hinkommen, das war klar. Das heutige große Busunternehmen, gegründet von Robert Flattich, fuhr damals mit einem Lastwagen mit Holzbänken auf der Pritsche, die Linie „Stuttgart“. Also der Tag und die Stunde kam, wo es Richtung Stuttgart ging. Aber was mache ich mit meinem lieben treuen Hund „Sepp“? Mein Bruder war auf dem Feld und mein Vater war nicht da.

 

Ich ließ ihn allein im Treppenhaus zurück und erklärte ihm: „ Sepp, ich komme bald wieder.“

 

Haltestelle Hochdorfer Straße: Alles aufsteigen, nicht einsteigen, so wie in die heutigen modernen Busse. Als der Lastwagen schon eine gute Strecke Richtung Hochdorf hinter sich hatte, kam mein Hund hinterher gerannt. Zum Glück ging es mit dem Betriebsstoff (Holzgas) nicht so schnell. Der Hund, so denke ich, ahnte die ganze Sache und sprang, wie wir abends feststellten, von den letzten Treppenstufen durch ein kleineres, aber geschlossenes Fenster dem Lastwagen hinterher. Sehr wahrscheinlich bemerkte er das Glas nicht.

 

Es waren natürlich einige Fahrgäste dabei, welche mit ermutigten, einfach an das Führerhaus zu klopfen, dann würde Herr Flattich dies schon merken.

 

Ich brachte den Mut auf und tat dies. Herr Flattich hielt an, stieg aus und fragte:“ Ja, was ist denn hier los?“ Er erkannte gleich die missliche Lage, fing den Sepp ein und brachte ihn als blinden Passagier auf den Last-Personen-Wagen.

 

Sepp legte sich unter eine Bank, bis es hieß: „Stuttgart-Feuerbach Haltestelle Prag – Endstation, alles absteigen!“

Jetzt, was tun mit dem Hund, ohne Leine! Es war mir klar, daß ich ihn niemals mit ins Krankenhaus nehmen konnte. Ganz in der Nähe des Hochbunkers, im Krieg „Luftschutzbunker“, war das Pragwirtshaus, das später dem Verkehr und Straßenbau weichen musste.

 

Ich kannte die Wirtsleute gut, da meine Eltern sie oft, unter schwierigen Verhältnissen (Fliegeralarm usw.) mit Kartoffeln belieferten. Also marschierte ich mit meinem treuen Sepp zwischen den Autos (wenige, im Gegensatz zu heute) zum Wirtshaus.

 

Der Wirt sagte mir dann:„Ja, den Hund kann ich nur in den dunklen Keller sperren“!

 

Als ich endlich im Krankenhaus ankam, freute sich meine Mutter sehr über meinen Besuch. Ich erzählte ihr dann die ganze „Sepp-Geschichte“. Sie konnte es kaum glauben, dass der Sepp in Stuttgart ist und sagte: „Da musst Du aber bald wieder gehen, der Herr Kintsch, so hieß der Wirt, kann den Hund doch nicht solange einsperren.“

Also, Mutter ade – komm doch bald wieder heim! Ich machte mich dann auf den Weg Richtung Pragwirtshaus. Der Wirt war froh, als er mich sah, denn Sepp hatte seiner Erzählung nach die ganze Zeit im Keller gebellt.

Nachdem ich mich sehr bedankt hatte, gings zur Haltestelle „Gaststätte Nordend“ – natürlich wieder ohne Leine. Herr Flattich kam zur genannten Abfahrtszeit und fuhr dann mit seinen Fahrgästen Richtung Hochdorf-Eberdingen.

 

Sepp legte sich wieder unter die Bank. Auf der Rückfahrt musste unser guter Fahrer nicht wegen dem Haund anhalten – sondern wegen dem Betriebsstoff. Er stieg hoch, um in dem Holzkessel zu stochern, damit die Fahrt weiter gehen konnte.

 

Bald war Eberdingen in Sicht und alle stiegen wohlbehalten ab. Nach unserer Rückkehr war auch bei Vater und Bruder das Rätsel gelöst: „Fensterscheibe kaputt und der Sepp nicht da!

 

Sepp war der Hund von Frau Bauz aus Eberdingen. Wir bedanken uns sehr herzlich bei ihr für diese Erzählung.

Gesucht: Bäckerlehrling
Lieber Landwirt!

...weitere Geschichten folgen in Kürze